Blumen brauchen Bühne

Christopher Ernst gehört zu den renommierten Floristen Deutschlands – und 2027 wird die historische Trinkkuranlage in Bad Salzhausen zu seiner Bühne. Für die Landesgartenschau Oberhessen gestaltet der Deutsche Meister der Floristen zwölf wechselnde Blumenschauen. Im Interview spricht er über den Reiz der Vergänglichkeit, wie Stromkabel und Blumen zusammenpassen und was kreative Geister auf jeden Fall vermeiden.
08.10.26 / Gemeinde Limeshain

Myriam Lenz: Sie haben an zahlreichen Landesgartenschauen mitgewirkt, haben in klassischen Hallen oder wie aktuell in Leinefelde auch in einem ehemaligen Plattenbau ausgestellt. Was kann die Trinkkuranlage in Bad Salzhausen, was diese Räume nicht konnten?

Christopher Ernst: Die historische Trinkkuranlage besteht eigentlich aus vier unterschiedlichen Räumen, die jeweils ihren eigenen Charakter, ihre eigene Struktur und Optik haben. Das ist ein Gefühl, als würde man durch eine Galerie schlendern. Die Räume werden entsprechend komplett unterschiedlich floral gestaltet und die Floristik in ganz vielen verschiedenen Facetten präsentieren – zum Beispiel auf Säulen, die wie Kunstwerke gestaltet werden, oder in moderner Optik in der dazugehörigen Werkstatt. Das Ensemble der Trinkkuranlage mit seinem historischen Hintergrund ist der perfekte Rahmen für hochwertige Floristik.

Sie sind 2024 durch Oberhessen gereist, haben Orte und Landschaften kennengelernt und erste Ideen gesammelt. Was ist Ihnen von dieser Reise besonders im Gedächtnis geblieben und wird sich davon in den Blumenschauen 2027 wiederfinden?

Die Region Oberhessen ist von Themen wie Kultur, Vulkan, Geschichte, Wasser, Natur, Heimat und dem Wir-Gefühl geprägt. Dies hat die Landesgartenschau aufgegriffen. Besonders präsent sind die Spuren der Kelten und Römer. Gleichzeitig haben wir auf unserer Reise erlebt, wie modern und innovativ Oberhessen ist und wie gut sich hier Tradition und Moderne verbinden. Vor allem aber sind mir die Menschen in Erinnerung geblieben. Sie füllen die Region mit Leben. Diese Mischung aus Geschichte, Kultur, modernen Ideen und den Menschen macht Oberhessen für mich aus.

Zwölf Blumenschauen bedeuten zwölfmal einen Neuanfang. Wie entwickeln Sie die Ideen?

Am Anfang steht ein Brainstorming mit dem ganzen Team. Wir sammeln Informationen über die Region und die Gartenschau und schreiben erst einmal alles auf, was uns in den Kopf kommt – egal, ob sinnvoll oder völliger Blödsinn. Die Leitideen der Landesgartenschau entwickeln wir mit eigenen Themen und Gestaltungsideen weiter. Dabei lasse ich mich stark von Kunst und Kultur inspirieren. Meine Ausbilderin hat immer gesagt: „Du musst sehen lernen, um das, was du siehst, zu nutzen.“ Manchmal kann ich deshalb gar nicht genau sagen, woher eine Idee kommt. Je länger man sich mit einem Thema beschäftigt, desto mehr entwickelt sich daraus.

Wie sieht Ihr Zeitplan aus?

Ab Januar werden wir uns jede Woche zwei Blumenschauen vornehmen und dafür Grundgerüste und Gestaltungselemente vorbereiten. Unser Ziel ist, vor Beginn der Landesgartenschau etwa 80 Prozent jeder Ausstellung geplant zu haben. 20 Prozent halten wir bewusst für spontane Ideen frei. Gerade in der letzten Phase entstehen oft noch gute Einfälle. Für diesen kreativen Freiraum muss Platz bleiben.

Werden Sie da nicht nervös, wenn noch nicht 100 Prozent vor der Eröffnung am 22. April feststehen?

Nein, dafür mache ich das schon zu lange. Wir haben einmal eine Ausstellung komplett vorbereitet, und kurz vorher kamen noch neue Ideen, die wir aber nicht mehr umsetzen konnten. Das war sehr frustrierend. Deshalb fahren wir mit den 80 Prozent Planung und 20 Prozent Freiraum sehr gut.

Es ist eine Herausforderung, immer wieder für Abwechslung zu sorgen. Viele Besucher können sich kaum vorstellen, dass nach mehreren Ausstellungen noch etwas Neues kommt. Umso schöner ist es, wenn sie von den neuen Ideen überrascht werden. Dabei arbeite ich nicht allein. In meinem Team sind Floristikmeister, die eigene Ideen einbringen und gestalterische Freiheiten haben. Dadurch entsteht eine große Bandbreite.

Nennen Sie uns ein Beispiel für verschiedene Gestaltungsstile.

Ich bin ein Florist, der gerne sehr ausladend und schwingend arbeitet. Ich arbeite viel mit Bewegungsformen und stecke sehr locker – wie bei dem Holland-Fahrrad, das ich 2025 beim World Cup of Floral Art in Den Haag gestaltet habe. Einer meiner Floristikmeisterkollegen arbeitet dagegen stark mit Staffelungen, die er hervorragend beherrscht, und kombiniert Materialien anders als ich. So bringt jeder seine eigene Handschrift ein.

Eine Schau wird von der OVAG gesponsert. Wie wird diese aussehen?

Das wird die Schau zum Thema Innovation und Industrie. Wir arbeiten mit typischen Elementen eines Energieversorgers: mit Solarpaneelen, Stromkabeln oder Wasserrohren, aus denen beispielsweise Grundgestelle entstehen. Im Vordergrund steht aber immer die Floristik, die Blume bleibt das wichtigste Element. Die OVAG soll sich in der Gestaltung wiedererkennen und auch die Besucher sollen den Bezug erkennen, ohne dass er zu aufdringlich wird. Es darf keine reine Marken- oder Produktpräsentation werden. Genau diese Herausforderung finde ich wahnsinnig spannend.

Gibt es Blumen, die Sie wunderschön finden, mit denen Sie aber trotzdem nur ungern arbeiten?

Es gibt Blumen, die ich sehr schön finde, die sich aber für Gartenschauen nicht besonders gut eignen, weil sie nicht lange genug halten. Dazu gehört zum Beispiel die Rose. Sie schafft es nur in den seltensten Fällen über den gesamten Zeitraum einer Schau. Auch bei Dahlien bin ich zurückhaltend. Sie werden zwar vorkommen, aber in geringeren Mengen, weil sie zu häufig nachgesteckt werden müssen.

Sie sprechen oft von Vergänglichkeit. Ihre Kunstwerke leben nur wenige Tage. Tut es nach all der Arbeit manchmal weh, eine fertige Blumenschau wieder abzubauen?

Nein, weil die Vorfreude auf die nächste Schau zu groß ist. Ich bin es gewohnt, dass meine Kunst vergänglich ist. Entscheidend ist für mich der Moment, in dem sie fertig vor mir steht. Die Vergänglichkeit macht für mich den Reiz in der Floristik aus. Sie macht das Hier und Jetzt so wertvoll. Das ist in einer Gesellschaft, wo alles jederzeit und überall verfügbar ist, so besonders. Der Besucher erlebt eine solche Ausstellung mit einem anderen Gefühl. Es zählt der Moment, und dieser verändert sich bald wieder. Viele haben es vergessen, den Moment zu genießen und sich komplett auf eine Sache einzulassen.

Was würden Sie niemals in einer Blumenschau machen, obwohl es beim Publikum vermutlich gut ankäme?

Eine komplette Blumenschau aus Kunstblumen. Damit kann man sicherlich sehr gut gestalten, aber für mich haben Kunstblumen in einer Gartenschau nichts zu suchen. Einzelne können eingesetzt werden, um etwas Besonderes darzustellen, aber niemals in großen Mengen. Schließlich ist eine Gartenschau eine Veranstaltung der grünen Branche.

Wenn die Besucher im Oktober 2027 nur ein einziges Bild Ihrer Blumenschauen in Oberhessen im Kopf behalten: Welches Bild soll das sein?

Das lässt sich kaum auf ein einziges Bild reduzieren. Auch Oberhessen zeigt viele Facetten. Die Schauen werden sich komplett voneinander unterscheiden und jede wird ihre eigenen Highlights haben. Wenn aber ein Bild bleiben soll, dann das von Blumen in ihrer ganzen Vielfalt: mal üppig und ausladend, mal zurückhaltend und filigran – und jedes Mal mit einer ganz anderen Wirkung.

Info: Zur Person

Christopher Ernst

Christopher Ernst aus Kindelbrück in Thüringen zählt zu den renommierten Floristen Deutschlands. Der Floristmeister führt seit 2008 sein Unternehmen „CREATIV“ und wurde 2022 Deutscher Meister der Floristen. (FDF - Fachverband Deutscher Floristen) 2025 vertrat er Deutschland beim World Cup Floral Art in Den Haag und belegte dort den sechsten Platz. (das-ist-thueringen.de) Erfahrungen mit großen Blumenschauen sammelte Ernst bei zahlreichen Bundes- und Landesgartenschauen. 2026 gestaltet er die Blumenschauen der Landesgartenschau Leinefelde-Worbis. (SV-Leinefelde-Worbis) 2027 wird er in der historischen Trinkkuranlage Bad Salzhausen zwölf wechselnde Blumenschauen für die Landesgartenschau Oberhessen inszenieren. (landesgartenschau-oberhessen.de)